Rheinische Post & WZ – „Ich war erstaunt, wie glatt es lief“
© Detlev Schneider

Rheinische Post & WZ – „Ich war erstaunt, wie glatt es lief“

„Ich war erstaunt, wie glatt es lief“

 Die Schauspielerin Marie Theres Relin („Ungeheuer heiß“) spricht über ihr Bühnen-Comeback am Theater an der Kö. Die „theaterfreien“ Jahre hat sie für das Schreiben und die Arbeit für ein Inklusionsprojekt genutzt.

VON REGINA GOLDLÜCKE

Sie konnte nicht ahnen, welche Wellen ihr Gastspiel im „Theater an der Kö“ schlagen würde. Die Wochen in Düsseldorf haben Marie Theres Relin fest mit der Stadt verankert. Zuerst war da nur die Lust, auf die Bühne zurückzukehren – nach 30 Jahren Pause. Dafür schien der Schauspielerin und Autorin die schwedische Komödie „Ungeheuer heiß“ wie geschaffen. Nach allerhand Geruckel und Unsicherheit, wann überhaupt wieder Publikum erlaubt wäre, startete René Heinersdorff mit dieser leichtfüßigen Inszenierung von Markus Majowski in die Saison. „Sechs Wochen konnten wir nur online proben“, erzählt Marie Theres Relin. „Ein seltsames Gefühl, zumal sich das Ensemble gar nicht kannte. Dann durften wir endlich auf die Bühne und haben das Stück in zehn Tagen vor der Premiere regelrecht aus dem Boden gestampft.“ Sie lacht. „So wie ich alle meine Projekte aus dem Boden stampfe. Schon immer und jetzt erst recht.“ Gleich wird sie davon berichten, aber zunächst geht es ums Theater. „Ich war erstaunt, wie glatt der Neubeginn für mich lief. Aber Fahrradfahren verlernt man ja auch nicht.“ Ein wenig hätte sie um ihre Stimme gebangt, die vor Zuschauern anders gefordert sei als vor der Kamera. Auch das glückte: „Meine mittlere Tochter ist Sprachtherapeutin, sie hat mir gute Tipps gegeben.“ Schnell fand sich das Ensemble zusammen. „Wir haben alle sehr viel Spaß“, sagt sie. „Das Schöne an diesem Stück ist, dass reife Frauen jungen Männern hinterher hechten. Der schwedische Humor mag speziell sein, aber wenn das Publikum direkt einsteigt, wird es richtig lustig. Das erleben wir oft und fühlen uns getragen.“

Für Marie Theres Relin war Düsseldorf nicht fremd, aber doch wieder neu und ganz anders als erwartet. 1997 hatte sie ihren Ex-Mann begleitet, den Dramatiker Franz Xaver Kroetz, als er am Schauspielhaus „Wilhelm Tell“ inszenierte und ein weiteres Stück vorbereitete, zu dem es dann nicht mehr kam. „Ich hatte drei kleine Kinder und kannte jeden Spielplatz, aber mehr auch nicht“, sagt sie. „Jetzt fallen mir ganz andere Facetten auf. Oft denke ich bei meinen – Spaziergängen, das hast du damals alles nicht gesehen.“ Es sei eine schwierige Zeit für sie gewesen. „Mir wurde hier so richtig klar, dass ich als Mutter dreier Kinder meinen Beruf als Schauspielerin wahrscheinlich nie wieder richtig ausüben könnte. Dazu kam, dass ich nicht gerade einen einfachen Mann hatte. Für eigene Bedürfnisse blieb da kaum Platz.“

Die Ehe ist lange geschieden, das Verhältnis zu Kroetz entspannt. Mehr und mehr sickerten Aufgaben und Aktivitäten in ihr Leben, stets aus eigenem Antrieb. 2002 prangerte sie mit ihrer „Hausfrauenrevolution“ die Missachtung von Frauen an, die keinem Erwerb nachgehen. „Da gab es weit und breit kein Facebook, kein Twitter, nicht mal Wikipedia. Ich vernetzte diese Frauen und war damit eine Internet-Pionierin.“ Dem Erstling folgten weitere Bücher, auch für Kinder. Und die viel beachtete Familiensaga „Meine Schells“ über den berühmten Clan aus Schauspielern und Künstlern. Marie Theres Relin ist die Tochter von Maria Schell und Veit Relin, die Nichte von Maximilian Schell, die Enkelin der Schauspielerin Margarethe Schell-Noé – die sie am meisten geprägt habe. Und hier schließt sich ein Kreis mit Düsseldorf. Während ihres Aufenthaltes fielen Marie Theres Relin die Filmkunstkinos und das Filmmuseum auf. Sofort ratterten die Ideen: Könnte man nicht auch hier ein Kino mieten, Klassiker von Maria Schell und anderen Leinwand-Ikonen zeigen, Lesungen abhalten, weitere Künstler einladen? In Bayern hatte das unter dem Schlagwort „Region 18“ prima geklappt. Ihr gut geöltes Netzwerk und ihre Überzeugungskraft bewährten sich erneut. Im Juni und Juli 2021 wird es im Filmmuseum in Zusammenarbeit mit den Filmkunstkinos ein Retrospektive der Geschwister Schell geben. „Das Beste aber ist“, fügt sie hinzu, „dass ich dann in Essen Theater spielen werde und die Sonntags-Matineen selber betreuen kann.“

Was sie zunächst eingefädelt hat, ist eine Lesung mit dem Schauspieler Robert Atzorn im Cinema aus seiner Biografie „Duschen und Zähneputzen“, danach wird sein Film „Mein vergessenes Leben“ gezeigt (23. September, 14 Uhr, 20 Euro, Anmeldung erforderlich). Mit Herzblut engagiert sich Marie Theres Relin für das Inklusionsprojekt „Kino Frauen aller Kulturen“, Exposés für 15 Bücher liegen in der Schublade. Ach ja, da sind auch noch die Lieder von Hildegard Knef, die sie so gerne singen möchte. Wie behält man da bloß den Überblick? „Also, Freizeit habe ich keine“, antwortet sie. „Zur Entspannung gehe ich auf die Bühne. Wie schön, sage ich mir, jetzt musst du nur Schauspielerin sein.“

© Regina Goldlücke, erschienen in Rheinische Post am 28. September 2020 und in der Westdeutsche Zeitung

Titelfoto © Detlev Schneider