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Foto © Christine Dössel

Gaby dos Santos – Happy End trotz Geigen-Schweigen

von Gaby dos Santos

Happy End trotz Geigen-Schweigen … Ausblicke auf die „Szenen keiner Ehe“ von Marie Theres Relin und Franz Xaver Kroetz, dem literarischen Überraschungserfolg im Herbst 2023

Es gibt sie also doch, die Happy Ends im wahren Leben, auch wenn da die Geigen schweigen!“, habe ich als erste Reaktion auf das Buch „Szenen keiner Ehe an Marie Theres Relin gepostet und weiter:

Schon gestern, nachdem ich es endlich in Händen hielt, habe ich mit der Lektüre Eures Buches begonnen. Klasse, sowohl stilistisch, wie gedanklich! Die großartige Umsetzung eines Lebenskapitels, in dem ich mich auch als außenstehende Leserin in langen Passagen wiederfinde. (…) Insbesondere hilft es mir, den Aspekt „ruinöses Alter“, wie Franz-Xaver Kroetz es bezeichnet, ein wenig zurück zu drängen, vor lauter Schmunzeln über seine diesbezüglichen Beschreibungen.

(…) Beim Lesen empfinde ich Euch als das inspirierenste unter allen gescheiterten Paaren, die ich kenne. Und ich kenne viele! Das wiederum – das Buch an sich und der Hype darum – söhnt auch mich selbst ein gutes stückweit mit den Widrigkeiten des Lebens aus“. (…)

Verschlungene Wege lagen hinter meinem Exemplar von „Szenen keiner Ehe“, bis ich es endlich glücklich in Händen hielt: Nachdem ich wegen Krankheit die Lesung von Marie Theres und FXK im Residenztheater verpasst hatte, besorgte mir meine Freundin Ulla Bucarey Foto-Impressionen vor Ort und vor allem dieses Buch, das ich umgehend nach Genesung bei ihr abholte.

Die Ausgangssituation mutet filmreif an: Ein geschiedenes Paar fliegt noch einmal nach Teneriffa, wo es einst gemeinsam gelebt und drei Kinder bekommen hat. Nun möchte der Mann seinen Mercedes-Oldtimer, den er vor Jahren auf der Insel zurückgelassen hatte, nach München überführen. Alleine quer durch Europa zu fahren, traut ER, inzwischen 78jährig, sich jedoch nicht mehr zu und bittet daher SIE ihn zu begleiten. ER verfügt über die finanziellen Mittel, SIE über Organisationstalent, vielfache Sprachkenntnisse sowie Lust, eine Reise anzutreten, die sie sich selbst momentan nicht leisten könnte. Die beiden vereinbaren dabei, jeden Tag und jeweils getrennt von einander, eine Seite lang darüber zu berichten. Soweit, so unspektakulär …

 

Nur, dass dieses Paar zu Beginn ihrer Liebesgeschichte 1987 als Traumpaar auf dem Society-Parkett geglänzt hatte; ER, Franz-Xaver Kroetz, galt als Deutschlands meistgespielter Dramatiker und war in der Rolle des Society-Reporters Baby Schimmerlos“ zum TV-Kultstar avanciert.

Was SIE, Marie Theres Relin betrifft, so ist mir im Gedächtnis geblieben, wie die „echten“ KollegInnen und Kollegen des Baby Schimmerlos damals vollmundig ihre Mutter, die legendäre Maria Schell zitierten:

„Das Kind ist ja begabt!“.

In der Tat hatte das – zudem bildschöne -„Kind“ bereits im Ausland einen Spielfilm gedreht, eine ganze Reihe TV-Rollen sowie 1987 die Goldene Kamera als beste Nachwuchsschauspielerin ergattert, als sie FXK traf und mit ihm eine Familie gründete, für die sie ihre künstlerischen Ambitionen erst einmal zurückstellte.

Nach Jahrzehnten und längst geschieden, haben sich Relin/Kroetz zurückgemeldet und dies sogar im literarischen Doppelpack, denn längst ist die zur starken Persönlichkeit gereifte Marie Theres ebenfalls als Autorin tätig. Wer sich allerdings von dem Buch eine Neuauflage des einstigen Paarlaufs auf dem „Boulevard“ verspricht, inklusive Name-Dropping, wie üblicherweise in Promi-Biografien, wird enttäuscht. Lediglich an einer Stelle beschreibt Relin mit beiläufiger Sachlichkeit, wie ihr Onkel Maximilan Schell sie als Vierzehnjährige missbrauchte und erwähnt im Zusammenhang das fatal relativierende Männerbild ihrer Mutter.

Ansonsten konzentrieren sie und Kroetz sich auf die Beschreibung von neuneinhalb gemeinsam durchlebten Wochen im Herbst 2022, die als Ausgangspunkt zu einem Rückblick auf ihre Ehe sowie einer Gewichtung ihres Status Quo dienen. …

„Was wie ein experimenteller Reisebericht angelegt ist, liest sich wie eine dialogische Meditation über Nähe und Distanz, Vertrauen und Vergessen, das Altern und die Liebe. Ein ebenso leichtes wie tiefes Buch“.

ARNO FRANK, 07.10.2023, DER SPIEGEL, Quelle > dtv Verlag/Pressestimmen

Kroetz und Relin nach der „Ur-Lesung“ aus „Szenen keiner Ehe“ am 17.10.2023 im Münchner Residenztheater; Foto: Bucarey

Dass aus der Schilderung rein persönlicher Befindlichkeiten und Alltags-Petitessen ein Bestseller wurde, dürfte eine der großen Überraschungen im literarischen Herbst 2023 sein. Dieses Exemplar der Gattung „Reisetagebuch“ zeugt von der bemerkenswerten Fähigkeit zweier AutorInnen, sich und die Welt aus analytischer aber auch versöhnlicher Distanz zu betrachten und in unspektakulären Momentaufnahmen zu Papier zu bringen, die mich trotzdem – oder gerade deshalb – einen langen Lesenachmittag hindurch gefesselt haben.

Tatsächlich fieberte ich stundenlang mit, wenn es um Fragen höchster Relevanz ging, wie die, ob denn der Mercedes überhaupt reisefertig würde. Bei der Vollzugsmeldung habe ich dann von Herzen mit FXK’s Zeilen mitgejubelt:

Ich kann fahren, wie ich fahren konnte, ‚automatisch‘ kupple ich und gebe Zwischengas (was es ja eigentlich gar nicht braucht) und empfinde eine ungeheure Freude, Lebensfreude, Autofreude. Ich jage den Kübel über die schwarze Lava, durch engste Haarnadelkurven, verwegenste Spitzkehren und toteste Winkel (selektive Wahrnehmung des Herrn Kroetz)“.

Franz Xaver Kroetz, Szenen keiner Ehe

Die Unbill meiner eigenen Vita in der Kunst und Kulturszene wiederum begegnete mir bei Marie Theres in einer ganzen Reihe von Schilderungen wieder, die bei ihr in einer Erkenntnis des „Schöner Scheiterns“ gipfelt, die sich mit meiner deckt:

„Ich muss mir unbedingt so eine Chronologie meines Losertums basteln, um mir selbst zu zeigen wie sich eins aus dem anderen ergibt. Es ist unglaublich, wie alles, was man macht, einen Sinn ergibt, auch wenn man ihn zum Zeitpunkt des Erlebens nicht erkennt“.

Marie Theres Relin, Szenen keiner Ehe

Als zutiefst anrührend empfand ich die Passage, in der Marie Theres ein Kompliment ihres Mannes an sie zitiert: „Du hast mich wieder ins Leben zurückgeholt. Ich habe ganz vergessen verzweifelt zu sein …“ Einige Seiten später legt er nach, mit einer rauhen Zärtlichkeit, die stilistisch aus der Zeit stammt, als „Political Correctness“ noch nicht jede Regung zu uniformiertem Anstand zurechtgebügelte:

„Ich bin irgendwie in den Ehe Rhythmus gerutscht. Die Lady mit dem Dekolleté, das hauptsächlich aus Fett und Falten besteht, ist wieder meine Frau und alles erinnert an glückliche Tage.“ (…)

Franz Xaver Kroetz, Szenen keiner Ehe

Foto: Residenztheater, c. Karin Rocholl

 

WENN AUS EINER LANGEN BEZIEHUNG LITERATUR WIRD …

lautet einer der Slogans, mit denen der dtv-Verlag das Buch bewirbt, womit er, meiner Meinung nach, nicht zu viel verspricht: Immer wieder gelingt es beiden AutorInnen, ureigene Einsichten und Befindlichkeiten in einen Kontext von allgemeiner Relevanz zu stellen, formuliert mit einer Leichtigkeit, die einer weiteren Betrachtung von FXK sehr nahe kommt:

„Es gibt einen schrecklichen Ausgang aus der Kunst, den Irrsinn und einen lächerlichen, den Kitsch und dazwischen die leichte heitere Spur des Genialen.“ 

Franz Xaver Kroetz, Szenen keiner Ehe

Besonders interessiert haben mich FXK’s Überlegungen zu Beginn des Buchprojekts hinsichtlich der Sinnhaftigkeit von Wahrheit respektive Dichtung, weil ich in meinen Produktionen ausschließlich auf dokumentarische und somit „wahre“ Begebenheiten zurückgreife.

Die Gegenwart ist die Gegenwart, ist die Wahrheit.
Aber ist, was wahr ist, auch wichtig?
Dichtung und Wahrheit.

Die Lüge hat so viele Möglichkeiten aus der Wahrheit ein paar glühende Funken zu schlagen; drum lass den ehrlichen Ackergaul im Stall, schwing dich auf den Pegasus, der hat Flügel und wird mit Fantasie gefüttert. Er kann dich in heitere Lüfte ziehen oder abwerfen dann stürzt du ins Unendliche. Ist das nicht verlockend?

Relin und Kroetz haben dann aber doch der Verlockung widerstanden 😉

„Das Buch besticht durch eine große Ehrlichkeit“, befindet Giovanni di Lorenzo in > 3nach9



Als Eine, die ihr Leben als eher unfreiwilliger Prellbock im Kampf gegen spießbürgerliche Fassaden verbringt, zolle ich der Offenheit dieser Beiden Standing Ovations! Sie erfordert großen Mut, denn indem man sich nackig macht, liefert man sich – samt Innereien – einer Öffentlichkeit aus, die nicht immer willens oder in der Lage ist, einen richtig zu verstehen, geschweige denn, korrekt wiederzugeben.

Wie heißt es so schön: „Es liegt immer im Auge des Betrachters …“ Daher empfiehlt sich bekanntlich das eigene Urteil – und in diesem Fall das Buch selbst zu lesen!


 

Szenen keiner Ehe

„Ein ebenso leichtes wie tiefes Buch.“
Der Spiegel

Gebundene Ausgabe
Hardcover: 25,- € / ebook: 19,99 €
Erscheinungsdatum: 02.10.2023
2. Auflage
dtv-Verlag
320 Seiten

ISBN:  978-3-423-28374-8

 


EPILOG:
Wenn Kreise sich schließen …

Filmreif wie die Rahmenhandlung des Buches gestaltete sich auch die
Urlesung“ (Intendant Andreas Beck) am 17.10.2023 im Residenztheater München.

Aus dem entsprechenden Ankündigungstext des bayerischen Staatsschauspiels zitiere ich am Textende.

Das Foto stammt von Ulla Bucarey
Rechts im Bild Intendant Andreas Beck

Es war im Juli 1987 im Residenztheater. Der Dramatiker und Regisseur Franz Xaver Kroetz stellte sich, nach seiner umstrittenen Inszenierung «Stigma» von Felix Mitterer, dem Publikum in einer Podiumsdiskussion. Mit dabei Marie Theres Relin. Nach Beendigung ging sie forsch zum Bühneneingang und auf die Bühne, ließ sich kurz die Hand von August Everding küssen und steuerte ihr Ziel an: Den Dichter, mit dem sie verabredet war. Es war der Abend, als Kroetz ihr ein Buch mit den Worten «Ich denk an Dich. Ich brauche Dich. Ich liebe Dich.» widmete und sie mit ihm mitfuhr.

Nun, 36 Jahre später, werden die beiden ihre «Szenen keiner Ehe» präsentieren – in dem Theater, wo alles begann …




… und noch eine schöne, persönliche Erinnerung an mein erstes Treffen mit Marie Theres und zwei ihrer Kinder, im März 2021, im Alten Rathaus München, zur Uraufführung meines Historicals „Nächster Halt Auschwitz

 

© Gaby dos Santos publiziert am 26.10.2023